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wirtschaftswespennest

einfach war vorgestern …

Von wirtschaftswespe - Geschrieben am 30.07.2010, 9:30

Tolle Idee, die die Wirtschaftsjunioren da in die Welt setzen: Urlaub ist bitteschön nicht zur Erholung zu verwenden, sondern dazu, “die eigene Attraktivität für die Firma zu steigern”.

Nun, sicher ist es zu begrüßen, wenn Menschen einen Teil ihrer freien Zeit investieren, um in einem immer dynamischeren Arbeitsmarkt am Ball zu bleiben oder die eigenen Chancen zu verbessern. Für den einen oder anderen - wie mich - schließt sich bis zu einem gewissen Grad Erholung und Weiterbildung auch nicht unbedingt aus.

Die Botschaft allerdings ist hochgradig bedenklich: Nicht die Firma ist also dafür verantwortlich, in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren, um die eigene Wettbewerbsposition zu stärken. Nein, die Mitarbeiter tragen diese Verantwortung und für die Firmen ist es völlig legitim, sich bequem zurück zu lehnen und sich aus dem großen Garten des Arbeitskräfteangebots immer das herauszusuchen, was gerade am besten passt.

Das ist aus vielerlei Hinsicht Humbug. Zum einen zeigt es wieder, dass die Wirtschaft selbst oft nicht weiß, was gut und wichtig für sie ist. Offenbar hat sie immer noch nicht gelernt, dass es ihr ureigenes Interesse ist, bestmöglich qualifizierte Mitarbeiter zu haben - und eben auch an dieser Stelle zu investieren. Wie leicht ist es, den Mangel an qualifizierten Fachkräften zu bejammern, die öffentliche Hand schlechter Bildungskonzepte und die Mitarbeiter der Bequemlichkeit zu bezichtigen, während man selbst die (zunächst einmal renditeschmälernden) Investitionen in die laufende Weiterqualifizierung scheut. Ob es den Unternehmen im härter werdenden Wettbewerb etwas nützt, darf bezweifelt werden. Es wird ihnen schaden.

Gerne wird pauschal Arbeitslosen oder Hartz-IV-Empfängern ein Ausruhen in der Hängematte des Sozialstaates vorgeworfen. So daneben diese Unterstellung ist, umso mehr muss man sich fragen, ob es nicht vielmehr Teile der Wirtschaft sind, denen eine ähnliche Bequemlichkeit unterstellt werden muss. “Lieber Staat, liefere uns ausreichend qualifizierte Menschen, die wir sofort und ohne zusätzliche Kosten produktiv und hoch-rentabel einsetzen können - das ist deine Verantwortung. Und liebe Arbeitnehmer, opfert jetzt auch noch eure Freizeit, um uns bessere Mitarbeiter sein zu können, weil wir sonst keine 25% Eigenkapitalrendite erreichen können und deswegen nicht mehr wettbewerbsfähig sind und am Ende Jobs abbauen oder verlegen müssen.”

“Verantwortung” wird aus Unternehmenssicht immer mehr auf die (sehr kurzfristig betrachtete!!) Verantwortung gegenüber Kapitalgebern reduziert, die eine Rendite unter 10% schon beinahe als Raub ansehen.

Nur nebenbei sei erwähnt, dass eine signifikante Zunahme stressbedingter Krankheiten - gerade unter Arbeitnehmern - zu verzeichnen ist. Physisch wie psychisch. Der Zweck von Urlaub ist gesetzlich benannt: Erholung. Und die Zahlen zeigen, dass diese in einer Arbeitnehmerwelt, die von zunehmender Arbeitsbelastung, Druck und Job-Unsicherheit gekennzeichnet ist, notwendiger ist denn je. Dass alleine die taff wirkende, aber groteske und enthüllende Gleichsetzung von Erholung mit “Ballermann” für sich und gegen ein tieferes Nachdenken der Wirtschaftsjunioren-Vorsitzenden spricht, ist eine Sache. Hinkende und polarisierende Vergleiche aus diesen Ecken ist man ja gewöhnt. Aber andererseits: Wenn es der individuellen Art der Erholung entspricht, warum nicht?

Es ist einfach immer wieder festzustellen: Die Wirtschaft verwechselt weiterhin gerne kurzfristige eigene Bequemlichkeit und Vorzüge mit einer nachhaltigen Verbesserung ihrer Position. Sie rennt Vergünstigungen hinterher, schiebt Verantwortung für das eigene Wohl ab und sägt damit fleißig an dem Ast, auf dem sie sitzt. Und je mehr er schwankt, desto fleißiger wird gesägt.

Bei einem solchen Nachwuchs ist wohl auch nicht zu erwarten, dass sich daran viel ändert …



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